Krisenhilfe


Mit der Aufnahme eines Pflegekindes verändert sich der Alltag einer Familie auf vielfältige und unvorhersehbare Weise. Das liegt neben den normalen Veränderungen in einer Familie bei Familienzuwachs unter anderem daran, dass Pflegekinder nach einer gewissen Zeit der Eingewöhnung frühkindliche und in der Vergangenheit unzureichend befriedigte Bedürfnisse auf die neuen Eltern richten. Pflegeeltern sind einer Vielzahl von widersprüchlichen Erwartungen ausgesetzt.

Eines der wenigen Dinge, die man zuverlässig voraussagen kann ist, dass Pflegefamilien Krisen durchleben, bei deren Bewältigung sie vertrauensvolle Hilfe benötigen. Je nach Vorgeschichte des Kindes, werden solche Krisen sehr intensiv erlebt.

Seit einigen Jahren ist ein Schwerpunkt der Arbeit des Landesverbandes der Pflege und Adoptivfamilien in Schleswig Holstein e.V. die Begleitung und Beratung von Pflegefamilien in belastenden und krisenhaften Situationen. Für ihr Engagement für Pflegekinder erhielt Birgit Nabert den Förderpreis der Stiftung.

 

Dies sind dramatische, aber keine spektakulären Geschichten. Zunehmend mehr Pflegeeltern wenden sich in ähnlichen Problemkonstellationen an unseren Landesverband. Oft ergibt sich aus der Krisenhilfe eine dauerhafte, begleitende Hilfe und Unterstützung, u.a. weil die abschließende Bearbeitung solcher Konflikte von vielen Faktoren abhängig ist, z.B. Gerichtsentscheidungen, anhängigen Gutachten oder aber durch Pflichtverletzungen des Jugendamtes bereits im Vorfeld ungünstig beeinflusst werden. Ein Jugendamt z.B. weigert sich hartnäckig, die dauerhafte Familienpflege für traumatisierte Kinder in ihr Leistungsangebot mit aufzunehmen und hält auch nichts davon, vernünftigen Kinderschutz zu betreiben. Es ignoriert die Empfehlungen des Deutschen Städtetages zu dieser außerordentlich wichtigen Problematik, sogar trotz wiederholtem Hinweis von uns darauf.

Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als die kindlichen Bedürfnisse und das Kindeswohl in den Mittelpunkt zu stellen, damit zu argumentieren und ggf. damit zu konfrontieren. Solche Konfrontationen sind kräfte- und zeitraubend – nach unserer Einschätzung haben sie zugenommen. Wir führen dies auf folgende Fehlentwicklungen im Pflegekinderwesen zurück:
• Der zunehmende Kostendruck zwingt Sozialarbeiter zu ständigen Rechtfertigungen darüber, warum eine Maßnahme (noch) nicht beendet ist.
• Informationsdefizite führen zu Hilfeplanungen, die den Kern des Problems nicht erfassen und dann Konflikte nach sich ziehen.
• Ausbildungs- und Fortbildungsdefizite führen zu unangemessenen Entscheidungen in Behörden.
• Gutachten und Gerichtsentscheidungen werden zu lange hinausgezögert und nicht in einer den kindlichen Bindungsbedürfnissen angemessenen Zeit herbeigeführt.
• Die Auflösung der Pflegekinderdienste sowie dessen Kompetenzeinschränkung zugunsten des Allgemeinen Sozialdienstes führt dazu, dass die Kindesinteressen den Elterninteressen untergeordnet werden.
• Eine klare Vermittlungspraxis, besonders für ältere Kinder, fehlt oft, und Mehrbedarfsregelungen, die sich daraus ergeben, bleiben diffus.
• Es fehlt eine ausreichende Vorbereitung von Pflegeeltern, die nicht selten in 2-3 Abendveranstaltungen abgegolten wird. Zum Vergleich: Die EU-Norm für Tagesmütter verlangt den Nachweis von 190 (!) Vorbereitungsstunden.
• Die „Sonderpflege“ für entwicklungsbeeinträchtigte Kinder gerät dort, wo sie bereits vorhanden ist, zunehmend wieder ins Abseits und wird ansonsten viel zu langsam ausgebaut.
• Die Existenz von Pflegeelterngruppen und Vereinen wird zu wenig von Jugendämtern bekannt gemacht, manchmal sogar behindert und häufig nur marginal mit finanziellen Mitteln unterstützt.

Diese Trends und Folgerungen haben nicht den Anspruch der Vollständigkeit und sind auch nicht allgemein gültig. Sie lassen sich zweifelsfrei nicht überall registrieren, haben aber in weiten Teilen Schleswig-Holsteins zugenommen. Auch sollen sie nicht darüber täuschen, dass viele Pflegeeltern und Sozialarbeiterinnen in einem fairen Miteinander ernsthaft um das Wohl gefährdeter und bedürftiger Kinder ringen oder unserer Hilfe erst gar nicht bedürfen.