2008 Das Pflegekind und seine Beziehung zu den leiblichen Eltern


Monika Nienstedt: Die Bedeutung der leiblichen Eltern für das Adoptiv- und Pflegekind
Arnim Westermann: Die Trennung des Kindes von den Eltern und die Verleugnung der Trennung durch aufrechterhaltene Besuchskontakte

Die Autoren Nienstedt/Westermann gelten als DIE Experten auf dem Gebiet der Sozialisierung daueruntergebrachter Pflegekinder. Ihr Buch „Pflegekinder“ ist nun seit Jahrzehnten ein Standardwerk auf diesem Gebiet.

1. Vortrag:
Monika Nienstedt: Die Bedeutung der leiblichen Eltern für das Adoptiv- und Pflegekind

Bei der Vermittlung von Pflegekindern ist heute ein Denken weit verbreitet, das die Zugehörigkeit des Kindes zur Herkunftsfamilie und deren Wert für die Identitätsentwicklung des Kindes betont völlig unabhängig davon, wie alt das Kind bei der Vermittlung war und welche Art von Erfahrungen das Kind mit den leiblichen Eltern gemacht hat. Pflege- wie auch Adoptiveltern geraten dadurch leicht unter erheblichen Erwartungsdruck, die Bedeutung der leiblichen Eltern frühzeitig zu würdigen und eine gute, annehmende Beziehung des Kindes zu ihnen – direkt oder indirekt – zu fördern auch dann, wenn sie von traumatischen Erfahrungen des Kindes wissen und die Folgen beim Kind unübersehbar sind. Diese Auffassungen sind aber weder mit den Ergebnissen der Sozialisationsforschung über die Entwicklung und die Natur von Eltern-Kind-Beziehungen noch über die Wirkung und Verarbeitung traumatischer Erfahrungen vereinbar. Erst wenn man diese Erkenntnisse berücksichtigt, kann man mit dem Kind klar reden, ihm Sicherheit in Beziehungen geben und ihm bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen helfen.

2. Vortrag:
Arnim Westermann: Die Trennung des Kindes von den Eltern und die Verleugnung der Trennung durch aufrechterhaltene Besuchskontakte

Wenn ein Kind aufgrund von Vernachlässigung oder Mißhandlung bei seinen Eltern auf Dauer in einer Pflegefamilie untergebracht wird und gleichzeitig regelmäßige Besuchskontakte der leiblichen Eltern mit dem Kind erfolgen sollen, geraten alle am Pflegeverhältnis Beteiligten, das Kind, die Pflegeeltern, aber auch die leiblichen Eltern in eine unmögliche Lage: Das Kind kann nicht zwei Mütter haben, die leiblichen Eltern verlieren ihre Elternrolle, wenn sie nicht tagtäglich für das Kind sorgen, obwohl man ihnen einredet, daß sie die Eltern bleiben, die Pflegeeltern können sich nicht, wenn sie Rücksicht auf das Kind nehmen, seinen Wünschen versagen. Davon wird zu reden sein, aber auch davon, daß die traumatischen Erfahrungen und die Trennung des Kindes von den Eltern verleugnet wird, wenn trotz dieser unmöglichen Lage Besuchskontakte gefordert, durchgesetzt und durchgeführt werden. Die Folge ist dann nur zu oft, daß das Kind keine Chance hat, neue Eltern-Kind-Beziehungen zu entwickeln und die traumatischen Erfahrungen zu bewältigen.


 

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